Mobile Musikanten

»Ich bin der Musikant mit Taschenrechner in der Hand« visionierten die Electronica-Pioniere Kraftwerk 1981 angesichts des allmählichen Vorstoßes der Digitaltechnik in unsere Alltagswelt. Obwohl unser Alltag, nunmehr fast 30 Jahre später, geradezu durchtränkt ist mit Digitaltechnik, hat sich das Musizieren auf dem Taschenrechner bislang kaum bewahrheitet. Hingegen übertrifft das wahre Leben einmal mehr die kühnsten Fiktionen, indem sich statt des Taschenrechners mittlerweile ein ganz anderes technisches Gerät zur modernen Version der Quetschkommode mausert: das Telefon.

Genauer gesagt: das iPhone. Die Zeiten, als Handys musikalisch nur durch nervige Klingeltöne auffielen, sind vorbei. Denn mit seinem Multi-Touchscreen und nicht zuletzt seiner Rechenpower ist das iPhone bereits von zahlreichen Entwicklern als geeignete Plattform für ein breites Spektrum an Musik-Applikationen entdeckt worden, die inzwischen über den App Store erhältlich sind.

Rockfans, die mit ihren Stars (zumindest virtuell) auf der Konzertbühne stehen wollen und Lust auf ein schnelles musikalisches Erfolgserlebnis haben, können sich zunächst mit Guitar Hero III austoben – einer abgespeckten, mobilen Version der inzwischen legendären »Instrumentalkaraoke«-Serie, die bereits auf etlichen Computerspiel-Systemen erschienen ist. Musikalisch ambitioniertere Gitarrenfreunde laden sich die Pocket Guitar vom Independent-Entwickler Shinya Kasatani herunter: eine recht authentisch wirkende Gitarrensimulation mit zahlreichen Optionen, die hervorragende Verwendung vom Multi-Touchscreen macht. Für gerade mal 0,99 US-$ Download-Preis eine extrem günstige und vor allem platzsparende Alternative zur traditionellen Reiseklampfe, mit der sich sogar fast schon richtig abrocken lässt.

Wer sich eher in synthetische Klangwelten begeben möchte, für den könnte zunächst Bloom von Interesse sein. Es handelt sich dabei um einen minimalistischen, experimentellen Synthesizer mit integriertem Loop-Sequenzer, der von niemand geringerem als dem Vater der Ambient Music, Brian Eno, mitentwickelt wurde. Das Klang- und Stilspektrum dieser Applikation ist allerdings recht eingeschränkt, so dass man sie wohl eher als interaktives Kunstwerk betrachten sollte.

Besonders putzig – ganz ähnlich dem Original – ist die iPhone Ocarina von Smule. Die Okarina (»ocarina« – italienisch für »Gänschen«) ist eine kleine Gefäßflöte aus Italien, die sich durch einen sehr weichen, runden Klang auszeichnet und den meisten Leuten, wenn überhaupt, aus der Videospielserie The Legend of Zelda bekannt sein dürfte. Der Clou der iPhone-Version: Wie bei einer echten Flöte muss man tatsächlich in das Gerät hineinpusten, nämlich ins integrierte Mikrophon, um einen Ton zu generieren, dessen Höhe man dann über die virtuellen Tonlöcher steuern kann.


Macworld Expo 2009: Ge Wang von Smule demonstriert die iPhone Ocarina – am Klavier David Pogue (einfach den Wiedergabe-Button anklicken)

Nun haben wir bereits Gitarre (plus Bassgitarre), Synthesizer und sogar eine Flöte. Doch eine ordentliche Band ist nicht komplett ohne Schlagzeug. Hier kommt nun der Beat Maker der Firma Intua ins Spiel – ein live spielbarer Drum-Sampler und -Sequenzer. Genügend passende Instrument- und Melodie-Samples vorausgesetzt, lassen sich alleine hiermit sogar schon komplette Musikstücke inklusive Melodie und Bass zusammenbasteln.

Im Großen und Ganzen haben wir nun jedoch bloß eine Sammlung von Einzelinstrumenten. Um damit in irgendeinem größeren Stil Musik zu machen, bräuchte man mehrere iPhone-Spieler. Oder man müsste eben alles einzeln sampeln und dann in Beat Maker oder einen externen Sequencer einspeisen. Nicht sehr praktisch.

Den nächsten logischen Schritt sind uns hier einmal mehr die Japaner voraus: Der State-of-the-Art-Synthesizer-Entwickler KORG hat kurzerhand eine aufgebohrte Emulation seines legendären Analogsynthesizers MS-10 mit ein paar zusätzlichen Digitaleffekten wie Echo und Flanger sowie einer (ebenfalls MS-10-basierten) Drum-Machine, einem reduzierten aber flexiblen Pattern-/Loop-Sequenzer und last but not least einer Software-Version seines Kaoss-Pads zusammengepackt und daraus ein faszinierendes kleines Allround-Kraftpaket für das mobile Musizieren geschnürt. Zwar nicht für Apples iPhone, jedoch für ein anderes, gar nicht mal unähnliches da ebenfalls touch-fähiges Mobile Device: den Nintendo DS. Mit dem KORG DS-10 lassen sich darauf nun komplette, komplexe Musikstücke mit fulminantem Stereo-Synthesizerklang komponieren, live aufführen sowie on-the-fly manipulieren und nachbearbeiten (!), in fast jedem erdenklichen Electronica-Stil, von wilden EBM-Experimenten über eleganten Trance bis hin zu atmosphärischem New Age.

Obwohl der DS-10 seit Mitte 2008 auf dem Markt und das iPhone dem Nintendo DS technisch haushoch überlegen ist, gibt es auf Apples Smartphone-Flaggschiff trotz des großen musikalischen Engagements der iPhone-Applikationsentwickler bislang nichts Vergleichbares. Zwar gehen Amidio mit ihrem iPhone-App noise.io, in dessen Herzen wohl ein durchaus leistungsstarker Synthesizer steckt, schon etwas in diese Richtung. Doch es kommt wohl nicht von ungefähr, dass das kreative User-Feedback ganz im Gegensatz zu jenem für den DS-10 bislang sehr bescheiden ausfällt. Stattdessen sind Klagen zu hören über eine zu eigenwillige Nomenklatur der Benutzeroberfläche und zu eingeschränkte Sequencing-Möglichkeiten. So räumte einer der führenden Amidio-Entwickler auch ein, dass für das aktuelle offizielle Demo-Stück – eines der ominös wenigen Demo-Stücke überhaupt – die externe Sequenzer-Software Cubase zu Hilfe genommen worden sei. Dass lediglich der Klang der Instrumente alleine vom noise.io stamme.

Vielversprechender erscheint da Randgrid, das erst vor wenigen Tagen den Sprung von der Beta-Version zum Final Release geschafft hat. Allerdings habe ich auch hier den Eindruck, dass die ersten Demos nicht an die rhythmische Vielseitigkeit des DS-10 herankommen. Vieles wirkt arg gejammt, aneinandergereiht und wenig durchkomponiert, was jedoch auch schlicht an den stilistischen Präferenzen der bisherigen Komponisten liegen könnte. Andererseits betrifft diese Einschränkung auch die Demonstration auf Randgrids Website – kein gutes Omen, denn solche Demos sind ja gerade dazu da, auch die rhythmische Flexibilität der betreffenden Musikproduktionssoftware zur Schau zu stellen. Eventuell hat man hier einen Fehler gemacht und beim Sequencer im Gegensatz zum DS-10 auf die Möglichkeit von übergeordneten Pattern-Arrangements verzichtet – was sehr schade wäre. Nun, man wird sehen, was die iPhone-Community da noch herauszuholen vermag. Für’s Erste bleibt der DS-10 die Speerspitze des mobilen Musizierens.

Ach so… und übrigens;-)

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Eine Reaktion zu “Mobile Musikanten”

  1. Miranda V

    lol, is that what you really think?

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